Funktion zur Ermittlung der Produktionsstruktur über Kooperationsgrad

Funktion zur Ermittlung der Produktionsstruktur über Kooperationsgrad

Zur Anordnungsoptimierung wird oft das Dreiecksverfahren von SCHMIGALLA angewendet. Dadurch kann ein optimiertes Layout erreicht werden. Mit den Positionierungsmöglichkeiten auf dem Raster kann der Planer aber eine Vielzahl von Layoutformen entwickeln. Um das zielorientiert einzuschränken ist es sinnvoll, vorher mögliche Produktionsstrukturen zu bestimmen. Eine Entscheidungshilfe dafür ist der Kooperationsgrad.

Der Kooperationsgrad wurde, wie das Dreiecksverfahren, von Hans Schmigalla schon 1970 entwickelt. Mit dem Kooperationsgrad wird dargestellt, wie Arbeitsplätze miteinander verbunden sind.

Den Kooperationsgrad bestimmen

Berechnen lässt sich der Kooperationsgrad aus dem Quotienten der Summe aller ein- und ausgehenden Verbindungen der Arbeitsplätze im betrachteten System und der Gesamtanzahl der Arbeitsplätze.

Formel-Kooperationsgrad

ki = Anzahl der Arbeitsplätze mit denen der Arbeitsplatz i eingehende oder ausgehende Verbindungen hat

m = Gesamtanzahl der Arbeitsplätze im betrachteten System

Die eingehenden und ausgehenden Verbindungen zu ermitteln, stellt kein Problem dar. Für die Anwendung des Dreiecksverfahrens muss zuvor eine Von-Nach-Matrix erstellt werden. Aus diesen Daten lassen sich die ein- und ausgehenden Verbindungen ermitteln und aufsummieren.

Wie eine Von-Nach-Matrix gebildet wird, habe ich im Artikel Materialflussmatrix aus ERP-Daten beschrieben. Dort wird nicht die klassische Von-Nach-Matrix verwendet, sondern die datentechnisch besser geeignete Von-Nach-Tabelle. Die Von-Nach-Tabelle stellt zeilenorientiert die Transportflüsse dar.

Von-Nach-Matrix, Von-Nach-Tabelle
Von-Nach-Tabelle aus dem Beispiel “Schneckengetriebeproduktion”

Möchte man für die Kooperationsmatrix unterschiedliche Varianten bestimmen, bietet es sich an, die Arbeitsplätze in einer separaten Tabelle darzustellen. Dort mittels Excel-Funktion ZÄHLENWENN für eingehende und für ausgehende Verbindungen, die Daten zu berechnen.

Die Daten des Beispiels stammen aus dem Artikel Dialog-geführtes Dreiecksverfahren nach SCHMIGALLA.

Eingangsdaten-fuer-Kooperationsgrad
Ermitteln der Verbindungen mit ZÄHLENWENN

Aus dem Beispiel lässt sich mittels Aufsummierung der Kooperationsgrad nach der obigen Formel berechnen.

Gesamtanzahl Summe ein- und ausgehende Verbindungen34
Gesamtanzahl Arbeitsplätze11
Kooperationsgrad3,1

Produktionsstruktur aus Kooperationsgrad ableiten

Um vom Kooperationsgrad auf einen Vorschlagwert für die Produktionsstruktur zu gelangen, wird der Kooperationsgrad und die Gesamtanzahl der Arbeitsplätze in diesem Diagramm eingetragen und der Vorschlagwert für die Produktionsstruktur abgelesen.

Produktionsstruktur ermitteln nach Kooperationsgrad
Produktionsstruktur Diagramm aus C. Grundig: Fabrikplanung

Bei höheren Werten des Kooperationsgrade (>5) geht Schmigalla von einer Werkstattstruktur aus.

„Die Anwendung des Werkstattprinzips erweist sich als zweckmäßig, wenn der Kooperationsgrad einen Wert annimmt, über den hinaus die Arbeitsgänge nicht mehr bestimmten Maschinen fest zugeordnet und demzufolge die Maschinen auch nicht mehr entsprechend dem Teiledurchlauf angeordnet werden können“

Hans Schmigalla: Methoden zur optimalen Maschinenanordnung

Ich verwende das Diagramm von Claus Grundig (aus Fabrikplanung). Für mich passen die Begriffe Punktstruktur, Reihenstruktur, Netzstruktur und Werkstattstruktur besser als die ursprünglichen Prinzipien (Werkstattfertigung, Flussprinzip mit/ohne Rückfluss, Verrichtungsprinzip) von Schmigalla.

Damit können wir für unser kleines Beispiel auf die Produktionsstruktur „Reihenstruktur“ schließen und das bei der Anordnung im Dreiecksverfahren entsprechend berücksichtigen.

In diesem Beispiel mit einer geringen Anzahl an Arbeitsplätzen lässt sich sinnvoll nur ein Kooperationsgrad für die gesamte Produktion bestimmen. In größeren Strukturen, mit mehreren Produktionsbereichen, ergibt es Sinn für jeden Bereich einen Kooperationsgrad und eine Produktionsstruktur zu bestimmen. Die Berechnung des Kooperationsgrades macht keine Schwierigkeiten. Er berechnet sich recht einfach durch Gruppierung und entsprechenden Summenbildung auch für größere Datenmengen. Bei der Produktionsstruktur sieht es anders aus. Für jede Bestimmung muss der manuelle Weg über das Diagramm gegangen werden. Das ist aufwändig, fehleranfällig und für große Datenmengen nicht geeignet. Besser wäre es, wenn sich die Produktionsstruktur auch über eine Formel automatisch berechnen ließe.

Das ist doch eine perfekte Gelegenheit, um etwas Programmierung einzusetzen. Wie das klappt, erfahren Sie im zweiten Abschnitt.

Eine Funktion für die Produktionsstruktur

Es muss ein Weg gefunden werden, die Kurven des Diagramms in mathematische Funktionen umzuwandeln. Mathematisch möglich ist das über Interpolation mit Polynomen. Mehrere Punkte auf der Kurve werden in eine Polynom-Funktion umgerechnet. Dafür wird eine Wertetabelle mit den X und Y Koordinaten erstellt.

Die Anzahl der Arbeitsplätze wird mit m bezeichnet und entspricht der X Koordinate. Die Reihen darunter sind die Y Werte (Kooperationsgrad) der drei Kurven.

Wertetabelle für Produktionsform
Wertetabelle für Kurven zur Produktionsstruktur-Ermittlung

Jetzt müssten wir unsere Mathe-Formelsammlung wieder herausholen und die Polynom-Funktion N-Grades berechnen.

Trendlinie in Excel

Glücklicherweise verwenden wir bereits Excel. In der Diagrammfunktion von Excel gibt es die Möglichkeit eine Trendlinie einzuzeichnen. Dazu lässt sich ebenfalls die Art der Trendlinie festzulegen.

Wählt man Polynomisch, erledigt Excel die ganze Arbeit für uns und zeigt die Formel an.

Trendlinie für Produktionsstruktur aus Kooperationsgrad
Trendlinie mit Formelanzeige in Excel

Das hilft in zweierlei Hinsicht. Einmal brauchen wir so keine Funktion zu ermitteln. Zum anderen stellt Excel die Funktion als Trendlinie auch visuell dar. Damit ist gleich eine optische Prüfung möglich, wie gut die berechnete Funktion die Punktekurve abdeckt.

In dem Original-Diagramm von Schmigalla wird der linke Bereich durch eine Halbgerade begrenzt. Diese lässt sich aus dem Diagramm ablesen. Sie hat die Gleichung y = x -1.

Eigene Funktionen für Produktionsstruktur und Kooperationsgrad

Mit diesen Grunddaten startet die selbst entwickelte Funktion. Dafür ist nur eine Excel-Mappe mit Makros notwendig (.xlsm). Eigene Funktionen müssen wir in ein Modul ablegen. Das geht im VBA-Editor (Alt+F11).

Damit später Benutzer wissen, welche Parameter in der Funktion anzugeben sind, verwende ich in der Funktionsdefinition lange Variablennamen. Diese zeigt Excel an, wenn der Benutzer auf Formel einfügen klickt.

Formel Kooperationsgrad und Produktionsstruktur
Einfügen einer Formel mit langen Variablennamen

Im Quellcode ist das aber meist unpraktisch. Deswegen definiere ich die langen Variablen am Beginn gleich wieder in eine kürzere Form um.

In der Funktion prüft zuerst, ob die Arbeitsplatzanzahl 1 ist. Dann handelt es sich um eine Punktstruktur und die Funktion ist fertig.

Falls das nicht eintritt, findet in der nächsten Prüfung statt, in welchem Bereich sich die übergebenen Werte befinden. Dafür berechnet die Funktion für die Arbeitsplatzanzahl m die entsprechenden Grenzwerte aus den Polynom-Funktionen. Die Gleichungen können aus der Bezeichnung der Trendlinie kopiert und im Quellcode eingefügt werden. Die Berechnung der Potenzen erfolgt mit der Excel-Funktion WorksheetFunction.Power.

Damit lässt sich prüfen, in welchem der Diagrammbereiche der übergebene Kooperationsgrad liegt. Nach der Definition ist die Reihenstruktur ein Teil der Netzstruktur. Das setze ich in der Nutzung der Funktion voraus und verwende die Netzstruktur nur für denjenigen Teil, der außerhalb der Reihenstruktur liegt (siehe Abbildung Diagramm).

Die Variable result speichert das entsprechende Ergebnis und übergibt das am Ende der Funktion.

Function Produktionsstruktur(Gesamtanzahl_der_Arbeitsplätze As Integer, Kooperationsgrad As Double) As String
Dim result As String
Dim reihenStruktur0 As Double
Dim reihenStruktur As Double
Dim netzStruktur As Double
Dim werkstattStruktur As Double
Dim halbgerade As Double
Dim m As Integer
Dim k As Double

  m = Gesamtanzahl_der_Arbeitsplätze
  k = Kooperationsgrad

  result = "nicht definiert"
  
  If m = 1 Then
    result = "Punktstruktur"
  Else
    'liegt m und k links von der Geraden?
    halbgerade = m - 1
    If halbgerade >= k Then
      'Wert liegt rechts der Halbgeraden und ist valide
      reihenStruktur0 = 0.0002 * WorksheetFunction.Power(m, 3) - 0.0111 * WorksheetFunction.Power(m, 2) + 0.1918 * m + 0.7648
      reihenStruktur = -0.00003 * WorksheetFunction.Power(m, 4) + 0.0018 * WorksheetFunction.Power(m, 3) - 0.0442 * WorksheetFunction.Power(m, 2) + 0.506 * m + 1.2498
      netzStruktur = 0.0003 * WorksheetFunction.Power(m, 3) - 0.0176 * WorksheetFunction.Power(m, 2) + 0.3485 * m + 2.2044
      
      If k >= reihenStruktur0 And k < reihenStruktur Then
        result = "Reihenstruktur"
      ElseIf k >= reihenStruktur And k < netzStruktur Then
        result = "Netzstruktur"
      ElseIf k >= netzStruktur Then
        result = "Werkstattstruktur"
      End If
    End If
  End If
  
  Produktionsstruktur = result
End Function

Es ist zwar nicht unbedingt notwendig, aber auch der Kooperationsgrad lässt sich in eine Funktion packen.

Function Kooperationsgrad(Summe_ein_und_ausgehende_Verbindungen As Long, Gesamtanzahl_der_Arbeitsplätze As Integer) As Variant
Dim result As Variant
  result = Null
  
  If Gesamtanzahl_der_Arbeitsplätze > 0 Then
    result = Summe_ein_und_ausgehende_Verbindungen / Gesamtanzahl_der_Arbeitsplätze
  End If

  Kooperationsgrad = result
End Function

Der erste Test

Mit den beiden Funktionen lässt sich jetzt an jeder Stelle zum Kooperationsgrad eine mögliche Produktionsstruktur berechnen.

Excel-Beispiel Kooperationsgrad und Produktionsstruktur
Einsatz der selbst-entwickelten Funktionen in einer Tabelle

Jetzt sind Sie in der Lage vor Beginn des Schmigalla Dreieckverfahrens einen Vorschlagwert für die Anordnung zu ermitteln.

Wenn Sie Daten automatisch aus ERP-Daten auswerten, ist das ein klarer Vorteil.

Es handelt sich dabei aber nur um einen Vorschlag. Für die Entscheidung zur umzusetzenden Produktionsstruktur müssen grundlegende Überlegungen getroffen werden.

Die Berechnungsweise nach Schmigalla zeigt aber doch eine datenorientierte Tendenz an, die in die Entscheidung einbezogen werden kann.

Download

Funktion und Beispiel im Zip-Archiv

Hinweise zu Excel-Makros und dem Internet

Links

Hans Schmigalla, Methoden zur optimalen Maschinenanordnung, 1970, Link auf Google Books

Claus Grundig, Fabrikplanung, 2012, Link auf Google Books

Artikel Dialog-geführtes Dreiecksverfahren nach SCHMIGALLA

Artikel Materialflussmatrix aus ERP-Daten

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